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Experteninterview: Lernen für das Schiff

"Unsere Azubis brennen für ihren Beruf, das ist ein Geschenk."

Silvia Baumgartner fuhr selbst zehn Jahre zur See, zunächst als Schiffsmechanikerin, zuletzt als Kapitänin bzw. Erste Offizierin. Nun gibt sie ihr Fachwissen an den Berufsbildenden Schulen für den Landkreis Wesermarsch weiter.

Ein Auszubildender mit Fernglas auf einer Schiffsbrücke
Im Berufsschulunterricht lernen Auszubildende, wie sie im Brückenwachdienst vorbeifahrende Schiffe melden.
Die Interviewpartnerin Silvia Baumgartner steht an der Reling auf einem Schiff.
Privat
Silvia Baumgartner auf einem Containerschiff auf dem Weg nach New York.

planet-beruf.de: Welche Besonderheiten hat ein Beruf auf See im Vergleich zu anderen?

Silvia Baumgartner: Die Vielschichtigkeit. Als Schiffsmechanikerin oder -mechaniker übernimmt man ganz unterschiedliche Aufgaben: Man ist seine eigene Feuerwehr an Bord, man muss sich selbst retten können, die Antriebsmaschine und Hilfsmaschinen warten und reparieren oder Werkstücke selbst herstellen, wenn etwas kaputt geht. Man unterstützt den wachhabenden Offizier als Ausguck und steuert das Schiff im Revier.

planet-beruf.de: Welche Fächer unterrichten Sie?

Silvia Baumgartner: Ich unterrichte angehende Schiffmechanikerinnen und -mechaniker in Brückenwachdienst und Ladung sowie Maritimem Englisch. Im Beruf müssen sie zum Beispiel vorbeifahrende Schiffe und Seezeichen melden, wenn sie im Ausguck eingesetzt sind. Das lernen die Schülerinnen und Schüler im Brückenwachdienst. Ich zeige ihnen außerdem, wie sie eine Ladung sichern. Die Bordsprache ist Englisch, daher unterrichte ich die Sprache und vermittle einen thematisch passenden Wortschatz.

Ein junger Mann leistet Erste Hilfe.
Der Rettungsdienst an Bord wird durch praktische Übungen einstudiert.

planet-beruf.de: Inwiefern bereitet der Berufsschulunterricht auf die praktische Arbeit auf einem Schiff vor?

Silvia Baumgartner: Der technische Anteil der Ausbildung beträgt circa 80 Prozent. Am Standort wird eine überbetriebliche Metallausbildung von 7 Wochen angeboten und 2 Wochen überbetriebliche Brandabwehr und Rettung. Diese Lehrgänge werden von den Reedern bezahlt und gehören zum Rahmenlehrplan. Im Rettungsdienst lernen die Schülerinnen und Schüler etwa Menschen aus Schiffsbauteilen zu retten, während sie ein Atemschutzgerät tragen. In weiteren praktischen Übungen zurren sie Ladungen fest, fertigen Metallwerkstücke an oder nehmen in unserer Montagewerkstatt Maschinen auseinander und warten sie.

planet-beruf.de: Welche Stärken sind für einen Beruf auf See relevant?

Silvia Baumgartner: Natürlich ist ein Interesse für die MINT-Fächer hilfreich. Viel wichtiger ist aber Teamfähigkeit, da man in einer Gruppe in den unterschiedlichsten Situationen zurechtkommen muss. Die Besatzung besteht aus Menschen aus verschiedenen Ländern, da sollte man Neugier auf andere Kulturen und Toleranz mitbringen. Auch Durchhaltevermögen ist gefragt, wenn man zum Beispiel die Ladung bei Unwetter nachsichert.

Wir bilden Schülerinnen und Schüler mit jeder Art von Schulabschluss aus, zum Teil auch ohne. Das macht keinen Unterschied, wenn sie den Beruf wirklich erlernen möchten. Ich arbeite in meinem Beruf mit jungen Menschen zusammen, die für ihren Beruf brennen. Das ist ein großes Geschenk für meine Kolleginnen, Kollegen und mich.

planet-beruf.de: Welchen Tipp geben Sie Schüler/innen, die sich für maritime Berufe interessieren?

Silvia Baumgartner: Sie sollten sich überlegen, ob sie international unterwegs oder abends wieder zu Hause sein möchten. Für beide Ziele gibt es tolle Berufswege. Außerdem empfehle ich ein Praktikum, zum Beispiel das Ferienfahrer-Programm vom Verband Deutscher Reeder.

Momentan herrscht eine große Nachfrage bei maritimen Berufen, insbesondere nach Schiffsmechanikerinnen und -mechanikern. Die Aufstiegsmöglichkeiten sind vielseitig. Wer die See mag, dem kann ich eine Karriere dort nur empfehlen.

Stand: 22.07.2020