Ausbildung für Menschen mit Sinnesbehinderung

"Ich sehe mit den Händen"

Für Menschen, die nicht so gut sehen, hören oder sprechen können wie andere, gibt es Ausbildungsmöglichkeiten, die speziell an ihre Bedürfnisse angepasst sind. Dieses Angebot nutzt auch Nicole. Sie besucht das Berufsförderungswerk in Mainz.

Foto von Nicole
Privat
Nicole macht eine Ausbildung zur Masseurin und medizinischen Bademeisterin.

Nach ihrem erweiterten Hauptschulabschluss begann die 20-jährige Nicole eine Ausbildung zur Masseurin und medizinischen Bademeisterin. "Die Gesundheit des Menschen steht hier im Vordergrund", sagt sie. "Ich lerne, wie ich die Gesundheit noch mehr unterstützen kann, und das finde ich klasse."

In ihrem Leben spielt Gesundheit eine besondere Rolle, denn Nicole hat eine Augenerkrankung. "Ich sehe nur zu fünf Prozent", erklärt sie. "Ich bin auch sehr kurzsichtig und nachts kann ich überhaupt nichts sehen. Aber das ist von Geburt an so und ich kenne es nicht anders."

Ausbildung zum Anfassen und Abtasten

Die 20-Jährige lernt ihren Beruf gemeinsam mit anderen Menschen mit Sehbehinderung im Berufsförderungswerk Mainz. Dort besucht sie zwei Jahre lang eine besondere Berufsfachschule und absolviert mehrere Praktika.

"Im Unterricht erhält jeder von uns Texte in unterschiedlicher Vergrößerung. Ich brauche Schriftgröße 24", sagt Nicole. "Wir arbeiten auch viel mit Modellen von Herz, Leber, Niere und anderen Organen, die wir anfassen und abtasten können." Bei Bedarf bekommen die Schülerinnen und Schüler Unterstützung. "Am Anfang meiner Ausbildung habe ich Nachhilfeunterricht in Anatomie erhalten. Mittlerweile komme ich alleine gut zurecht", sagt Nicole.

Eine Hand ertastet an einem Modell die inneren Organe.
Zwei Hände massieren den Rücken einer Frau.
In der Ausbildung lernen Auszubildende mit Sehbehinderung sowohl an Modellen ...
... als auch an Patienten.
Eine Hand ertastet an einem Modell die inneren Organe.
Zwei Hände massieren den Rücken einer Frau.
In der Ausbildung lernen Auszubildende mit Sehbehinderung sowohl an Modellen ...
... als auch an Patienten.

"Meine Einschränkung ist im Beruf ein Vorteil"

Die Kosten für ihre Ausbildung trägt die Agentur für Arbeit. Die Berufsberatung der Agentur für Arbeit hat ihr auch den Beruf Masseurin und medizinische Bademeisterin empfohlen. "Nach dem Beratungsgespräch habe ich ein Praktikum in einer Massagepraxis gemacht und so den passenden Beruf für mich gefunden", erklärt Nicole. In ihrem künftigen Beruf fühlt sie sich alles andere als benachteiligt:

"Durch meine Einschränkung habe ich sogar Vorteile", findet Nicole. "Denn im Beruf müssen wir viel über das Tasten machen. Dafür besitzen Menschen mit Sehbehinderung mehr Fingerspitzengefühl als Normalsehende. Denn die schauen mit den Augen; wir sehen dafür mit den Händen."

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Stand: 04.08.2010