Experteninterview: Berufe mit Kunst und Design - Wunsch und Realität

"Nicht nur das Geld sollte zählen"

Selbst Schmuck herstellen - das und mehr kann man an der Gewerblichen Schule Schwäbisch Gmünd lernen. Seit über 30 Jahren arbeitet Eva-Maria Seyl als Berufsschullehrerin und bildet Jugendliche im Kunsthandwerk aus.

Eine junge Frau beim Arbeiten mit einem Edelstein
Bei der Schmuckherstellung kommt es auf die Liebe fürs Detail an.

planet-beruf.de: Was sind typische Gründe, weshalb die Ausbildung bei Ihnen abgebrochen wird?

Eva-Maria Seyl: Generell haben wir wenig Jugendliche, die abbrechen, falls doch, dann liegt es häufig daran, dass sie von ihren Eltern zu der Ausbildung gedrängt wurden, weil sie beispielsweise einen Goldschmiede-Laden haben, den das Kind dann später übernehmen soll. Meiner Meinung nach ist es bei der Berufswahl aber wichtig, das zu machen, was man wirklich möchte. Ab und zu haben wir auch Schülerinnen und Schüler, die Gestaltung mit Kunst verwechseln. Sie haben dann die Vorstellung, dass sie sich entspannt von der Muse küssen lassen können, um dann nach eigenem Duktus und Zeitgefühl, ohne Vorgaben etwas aus dem Ärmel zu schütteln. Das ist aber nicht so. Die Produkte werden für Kunden gefertigt, das bedeutet Regeln und Zeitdruck.

Portraet von Frau Seyl
privat
Eva-Maria Seyl hat zuerst eine Ausbildung zur Goldschmiedin absolviert.

planet-beruf.de: Was bedeutet kreatives Arbeiten für Sie?

Eva-Maria Seyl: Also das Wort "Kreativität" kommt vom lateinischen Wort "creare" und bedeutet "schaffen" bzw. "erzeugen". Meiner Meinung nach gehört auch dazu, dass man etwas optisch Ansprechendes schafft, bei dem der Auftraggeber einen gewissen "Aha-Effekt" dabei hat. Natürlich gibt es immer Vorgaben, an die man sich halten muss. Die Herausforderung dabei ist es, jedes Mal aufs Neue einen innovativen Ansatz zu finden.

planet-beruf.de: Wie können die Jugendlichen herausfinden, ob sie gestalterisch oder doch lieber handwerklich arbeiten möchten?

Eva-Maria Seyl: Wir bieten beispielsweise Berufsbildungstage an oder haben u.a. einen Tag der offenen Tür. Da können sich Interessierte mit Lehrerinnen und Lehrern oder mit den Schülern unterhalten und sich die Räumlichkeiten anschauen. Die meisten, die zu uns kommen, sind sehr gut über den Beruf informiert. In den zwei bzw. drei Jahren der Ausbildung stellen die Jugendlichen dann schnell fest, ob ihnen eher die Gestaltung oder eher das handwerkliche Arbeiten liegt. Vielleicht glänzen sie sogar in beiden Bereichen. Mit der Ausbildung ist ja erst der Grundstock gelegt. Danach gibt es sehr viele Weiterbildungsmöglichkeiten. Ehemalige Schüler/innen von mir arbeiten jetzt beispielsweise an Animationsfilmen mit oder haben Grafikdesign studiert.

Seit August 2018: Edelsteinschleifer/in

Die Ausbildung in den Berufen Diamantschleifer/in, Edelsteingraveur/in und Edelsteinschleifer/in wurde neu geordnet. Die drei Berufe wurden in einer gemeinsamen Ausbildungsordnung zusammengefasst, die neue Berufsbezeichnung lautet ab dem 01.08.2018 Edelsteinschleifer/in.

Ein junger Mann begutachtet durch eine Lupenbrille ein Werkstueck.
Es wird viel in der Werkstatt, aber auch mit Kunden gearbeitet.

planet-beruf.de: Welche Kompetenzen sollte man für kreative Berufe mitbringen?

Eva-Maria Seyl: Ganz klar: Leidenschaft! Bei vielen Schülerinnen und Schülern vermisse ich häufig, dass sie eigene Interessen und Hobbys haben. Beschäftigt man sich beispielsweise mit Literatur, kann man das in seine Schmuckstücke einfließen lassen. Natürlich braucht man auch handwerkliches Geschick, Kreativität und technisches Verständnis. Diese Fähigkeiten den Jugendlichen beizubringen, fällt ja auch in meinen Aufgabenbereich.

planet-beruf.de: Sind kreative Berufe bzw. das Kunsthandwerk "brotlose Kunst"?

Eva-Maria Seyl: Natürlich sehen die Verdienstaussichten im Kunsthandwerk nicht besonders gut aus. Für die berufliche Entscheidung sollte jedoch nicht nur das Geld zählen. Wenn man sich für den richtigen Beruf entscheidet, dann fühlt es sich gar nicht nach Arbeit an. Die Freude des Kunden, wenn man ihr oder ihm das erste Mal das angefertigte Unikat zeigt - das ist der wahre Lohn! Außerdem hat man gerade in kreativen Berufen die Freiheit sich in viele unterschiedliche Richtungen zu entwickeln: Du kannst ein eigenes Geschäft eröffnen, in der Industrie arbeiten oder eben Berufsschullehrer/in werden. Kreativität braucht man auch zur Gestaltung des eigenen Lebens.

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Stand: 11.07.2018